Anbei ein Interview von news.de mit dem Direktor Jan Diedrichsen von der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen mit Sitz in Flensburg. Nachdem man das Interview durchgelesen hat, sieht man, dass dem Herrn Diedrichsen das mit der Autonomie einige SVP-Politiker wohl sehr schlecht erklärt haben. Er spricht von einer “fast kompletten Autonomie” in Südtirol. Oje, oje. Polizei, Justiz, Militär, Post, Bahn und vieles mehr sind nicht in Südtiroler Hand. Wo kann man da von “fast kompletter Autonomie” sprechen? Ein wahrlich schwacher Direktor für Minderheiten. Wenn er bei Südtirol schon so verharmlosend daherredet, was tut er dann bei Minderheiten im Osten Europas, die noch schlechter dastehen als wir Südtiroler? Auch dort alles schönreden? Oder auch die Passage, in der er den Katalanen Boshaftigkeit unterstellt, wenn diese aus einem Unrecht wieder ein Recht machen. Ein Direktor der FUEV müsste eigentlich für das Selbstbestimmungsrecht eintreten und nicht so verharmlosend daherreden. Hier der vollständige Text des Interviews:
Minderheiten
Zwischen Stühlen und gegen den Strom
Über 300 Völker und Gruppen in Europa leben nicht in ihrem eigenen Land. Sie sind Minderheiten. 86 vertritt die Föderalistische Union Europäischer Volksgruppen mit Sitz in Flensburg. Direktor Jan Diedrichsen spricht mit news.de über ein weites Feld.
Was zeichnet die europäischen Minderheiten aus?
Diedrichsen: Die Landschaft ist sehr heterogen, es reicht von den Katalanen, die mit acht Millionen eine größere Masse ausmachen als viele EU-Staaten bis runter zu den paar hundert Forstfinnen in Schweden. Wir haben Mitglieder von Sibirien bis Westfriesland und von Südtirol bis zu den Sami im Skandinavischen. Von daher sind die Ansprüche und Interessen sehr unterschiedlich.
Welche Ansprüche kann die Fuev denn erfüllen?
Diedrichsen: Wir verschaffen den Minderheiten eine Stimme bei der EU, beim Europarat, bei der OSZE und zum Teil auch bei der Uno. Es wird sehr viel vom Europa der Vielfalt gesprochen, aber wenn man sich mit einem EU-Politiker unterhält, sagt er, das ist Nationalstaatsaufgabe. Da muss umgedacht werden. Wir haben aber einen Lissabonvertrag, wo im Artikel 2 die Minderheiten zum ersten Mal als schützenswertes europäisches Erbe genannt werden. Da müssen sie jetzt auch aus den Puschen kommen und sehen, wie sie das machen wollen. Es ist ja der Gedanke Europas, dass wir unsere Vielfalt achten, wir wollen ja gerade nicht der Schmelztiegel sein wie die USA.
Sie sagten ja schon, dass die Minderheiten sehr heterogen sind. Wodurch unterscheiden Sie sich?
Diedrichsen: Zu einer Gruppe gehöre ich, das sind die Deutschen in Dänemark, die kein Gottprodukt sind, sondern eines der Geschichte, durch Grenzziehung nach dem ersten Weltkrieg. Die zweite Kategorie sind die Friesen, die Sorben in Ostdeutschland oder die Rätoromanen in der Schweiz: Völker oder Gruppen, die keinen eigenen Staat gebildet haben und auf dem Territorium eines anderen Landes leben, aber eine eigene Sprache haben, eine eigene Kultur. Sie haben es schwerer, weil sie kein Mutterland haben, zum Beispiel wenn es um Unterrichtsmaterialien für die Schule geht. Wir haben Deutschland, aber die Sorben müssen alles selber produzieren, also ist der Assimilationsdruck noch größer. Wenn wir da nichts tun, dann sterben die aus.
Es geht ja nicht nur um Sprache und Kultur – auf dem Balkan brodelt es weiter.
Diedrichsen: Schauen Sie sich Bosnien-Herzegowina an. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird es dort wieder sehr viel Ärger geben. Oder Ungarn und die Slowakei, wären sie nicht in der EU und Nato gewesen, hätten sie im Sommer, das glaube ich wirklich, ihr Militär mobilisiert. In Rumänien leben in Transsylvanien 1,5 Millionen Ungarn und bilden dort die Mehrheit. Das ist unglaublich viel Konfliktpotential. Da ist das deutsch-dänische Grenzland ein wunderbares Exempel. Der Generalsekretär des Ausschuss der Regionen (Gerhard Stahl , Anm. d. Red.) hat gesagt , das deutsch-dänische Grenzland sei vor 200 Jahren das Kosovo des Nordens gewesen. Wir haben geschafft, das in 40-50 Jahren zu überwinden. Aber wenn wir im Kosovo sagen, das braucht jetzt 40 Jahre – das kann man schwer vermitteln.
Denken Sie, der Spagat zwischen Globalisierung und Minderheitenpolitik kann funktionieren?
Diedrichsen: Derzeit bin ich eher desillusioniert. Ich sehe ganz klar die Tendenz, dass das Thema Minderheiten wieder verschwindet von der Agenda. Sie nehmen es erst wieder ernst, wenn es in Bosnien-Herzegowina oder im Kosovo kracht. Da fragt sich jeder, was ist hier denn wieder passiert, das haben wir doch gar nicht kommen sehen. Das ist neben dem kulturellen auch der sicherheitspolitische Aspekt. Ob das Sprachensterben jeden Politiker über die Sonntagsreden hinaus interessiert – da muss noch sehr viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. Aber Minderheiten sind gewohnt, zwischen den Stühlen zu sitzen und gegen den Strom zu schwimmen.
Lernen die Minderheiten voneinander?
Diedrichsen: Absolut. Wir haben eine Charta formuliert mit 13 Grundrechten, und jedes Jahr picken wir uns eins raus. Dieses Jahr ist es politische Partizipation. Da schauen wir uns an, wo gibt es gute Lösungsmodelle. Eigene Sitze im Parlamente, eine Lobbyvertretung – da hat jede Minderheit andere Ansätze.
Was sind erfolgreiche Modelle?
Diedrichsen: Ein interessantes Beispiel ist Südtirol. Den Konflikt zwischen dem Recht auf Selbstbestimmung eines Volkes und der Unverletzbarkeit eines Staates haben sie gut geklärt: Man hat eine fast komplette Autonomie, aber gehört natürlich zu Italien.Die Deutschsprachigen bilden die Mehrheit, es gibt aber auch die romanischen Ladiner, und man hat zum Beispiel für die Vergabe von Wohnungen ein Proporz-Modell entwickelt, ein Lösungsmodelle, das auch interessant wäre für Rumänien. Oder schauen wir nach Kroatien. Dort sind acht Sitze im Parlament den Minderheiten garantiert, auch die deutschen Altösterreicher haben zum Beispiel einen Sitz. Wir in Dänemark dagegen haben keine formalisierten Rechte, sondern eine Kooperationslösung, wo man miteinander redet – weil es 50 Jahre Aufbau von Vertrauen gegeben hat. Man kann nicht sagen, es gibt das eine Modell, was alle Probleme löst, das sind historische, kulturelle Hintergründe. Das A und O ist, auf derselben Augenhöhe mit den Minderheiten zu verhandeln. Es wäre doch traurig, wenn niemand mehr Bretonisch sprechen würde oder Okzitanisch oder Sorbisch oder Friesisch.
Das ist ja nicht nur ein Problem von Staaten, sondern auch von Generationen. Wie gehen Sie damit um?
Diedrichsen: Manchmal fühlt man sich, als kämpfe man gegen Windmühlen. Bei den Sprachen hat es viel mit Image zu tun. Die Waliser haben es geschafft, einer schon zum Tode verurteilten Sprache ein neues Image zu verschaffen mit modernem Marketing, so dass es bei der Jugend nicht als etwas Bäuerliches angesehen wird. Es gibt Untersuchungen, die sagen, es brauche mindestens 300.000 Sprecher, damit eine Sprache eine Überlebenschance hat. Ich halte das für ausgesprochenen Quatsch, dann könnten wir unseren Laden dicht machen. Ich verlange nicht von jedem Deutschen in der Lausitz, dass er Sorbisch spricht, aber fände es schön, wenn einige Leute sich bemühen würden. Dann ist es viel einfacher, Tschechisch oder Polnisch zu lernen, da ist ein handfester Mehrwert. Aber es soll nicht nur um den Mehrwert gehen. Minderheiten haben ein Anrecht darauf, gefördert und geschützt zu werden, denn sie sind auch Steuerzahler.
Was halten Sie denn davon, dass die Katalanen teilweise das Spanische verbieten?
Diedrichsen: Das ist ganz schlimm. Es ist zwar psychologisch zu erklären, weil sie unterdrückt wurden. Aber dass im Parlament verboten ist, Kastilisch zu sprechen, ist ein Hohn auf das, wofür wir eintreten.
Jan Diedrichsen gehört der deutschen Minderheit in Dänemark an und ist Vorsitzender der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (Fuev). Außerdem sitzt er für die Minderheit in Parlament und Regierung in Kopenhagen. Die Fuev wurde 1949 in Versailles gegründet, mit den Gedanken «Nie wieder Krieg» und «Die Nationalstaaten haben versagt». Heute kümmern sich bei der Fuev in Flensburg drei Angestelle und einige Ehrenamtliche um 86 Minderheiten.
News.de stellt Ihnen heute und an den kommenden Tagen die vier nationalen Minderheiten in Deutschland vor: Sinti und Roma, Dänen, Sorben und Nordfriesen.
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