Vor 50 Jahren: Folterungen in Südtirol

Anton Gostner zu Tode gefoltert

Anton Gostner zu Tode gefoltert

Dokumentation: Südtirol vor 50 Jahren –  unmenschliches Folterland

„‘Ich bin seit dem Juli 1961 auf dem linken Auge fast blind‘, erzählt ein ehemaliges BAS-Mitglied heute. Auch ihm wurde diese Behandlung zuteil. Die zwei Meter vor seinen Augen aufgestellten Lampen trockneten ihm die Hornhaut des linken Auges aus. ‚Seitdem sehe ich nur mehr einen weißen Schleier.‘ Dass das rechte Auge gerettet wurde, verdankt er dem Umstand, dass während der –zig Verhöre, denen er unterzogen wurde, die rechte Lampe ausgeschaltet wurde.“

Christoph Franceschini: „30 Jahre Feuernacht: Unsere Waffe ist der Sprengstoff und die Nacht“, Folge III,  „FF“-Magazin 26/91, S. 44)

2011: Leugnung der Tatsachen

Der mit den Stimmen der Südtiroler Volkspartei (SVP) zum Südtiroler Landtagspräsidenten bestellte ehemalige Neofaschist und jetzige Landtagsabgeordnete der Berlusconi-Regierungspartei PdL., Mauro Minniti, hatte noch im Jahre 2008 in seinem Buch Martiri invisibili. Gli anni del terrorismo in Alto Adige“ („Unsichtbare Märtyrer. Die Jahre des Terrorismus in Alto Adige“) behauptet, Folterungen von Südtiroler Häftlingen habe es nie gegeben. Diese Behauptung hatte er auf seiner Internetseite wiederholt. Durch den mit deutschen Abgeordnetenstimmen zugeschanzten lukrativen Posten des Landtagspräsidenten offenbar einsichtiger gemacht, hatte sich Mauro Minniti dann am 28. Juni 2011 im Südtiroler Landtag entschuldigt und erklärt sich, es gebe klare Beweise für die Misshandlungen.

So weit, so gut.

Landtagspräsident Mauro Minniti und Möchtegern-Politiker Alessandro Bertoldi

Das empörte jedoch den Koordinator der Südtiroler Jugendorganisation des PDL, Alessandro Bertoldi. Dieser 17jährige Möchtegern-Politiker fand die Entschuldigung seines erwachsenen Parteikollegen Minniti geradezu „ekelerregend“ und erklärte am 29. Juni 2011 auf seiner Internetseite http://aleberto.wordpress.com unter der Überschrift

Bertoldi (PdL): “I terroristi sudtirolesi malmenati negli anni ’60, se è vero, è stato troppo poco!” “Bertoldi (PdL): „Die in den 60er Jahren misshandelten Südtiroler, wenn es wahr ist, dann ist es viel zu wenig gewesen!

dazu:

„In Anbetracht der Umstände und dessen, was die Terroristen in jenen Jahren taten, waren die “Folterungen”, deren “Opfer” sie wurden, nur wenige und immer viel zu wenige. Dies angesichts dessen, dass sie in der Folge und bis heute für das, was sie getan hatten, nicht gesühnt und keinen einzigen Tag ihrer gerichtlichen Strafe im Gefängnis verbüßt haben.“

Dazu ist eigentlich nicht viel zu sagen, außer dass Jung-Alessandros Eltern, die italienische Schule und die italienische Publizistik in Südtirol in der Vermittlung der Zeitgeschichte phänomenal versagt und das Feld üblen nationalistischen Propagandisten überlassen haben. Der junge Alessandro ist – mit Ausnahme seiner Präpotenz – nämlich kein Einzelfall, wie die Auftritte zahlreicher junger Neofaschisten Südtirols beweisen.

Bozner Justiz: Mithilfe eines Gummi- „Schmähungsparagrafen“ und mit Unterstützung der Staatsregierung gegen die Wahrheit

Wesentlich schlimmer als das Fehlverhalten eines unreifen und wohl fehlinformierten Jugendlichen ist jedoch das Verhalten des Bozner Staatsanwaltes

Der Bozner Staatsanwalt Guido Rispoli, der Justizminister Alfano (links im Bild zusammen mit Regierungschef Berlusconi) und der ehemalige MSI-Neofaschist und jetzige Verteidigungsminister La Russa: Eines Sinnes bei der gerichtlichen Verfolgung der Wahrheit!

Dr. Guido Rispoli, welcher beabsichtigt, mithilfe eines Gummiparagrafen, des Artikels 290 des italienischen Strafgesetzbuches, gegen die Landtagsabgeordneten Dr. Eva Klotz und Sven Knoll sowie gegen weitere Exponenten der Südtiroler Partei „Süd-Tiroler Freiheit“ vorzugehen. Nach dem Artikel 290 kann mit einer hohen Geldstrafe belegt werden, wer „die Streitkräfte des Staates schmäht“

Die Landtagsabgeordneten der „Süd-Tiroler Freiheit“ Dr. Eva Klotz (und Sven Knoll.

Grund: Die Südtiroler Freiheit hat mit diesem Plakat, auf welchem eine Carabinieri-Mütze neben einer Blutlache abgebildet ist, an die Folterung wehrloser Häftlinge durch die Carabinieri nach der Feuernacht erinnert.

Auch die bereits vom italienischen Justizminister Angelino Alfano und dem ehemaligen MSI-Neofaschisten und jetzigen italienischen Verteidigungsminister Ignazio La Russa genehmigte und gutgeheißene Aktion des Bozner Staatsanwaltes unterstellt, dass es keine Folterungen gegeben habe.

Umso wichtiger ist es, der Unwissenheit über die Zeitgeschichte „sine ira et studio“ – ohne Zorn und Eifer – gelassen mit der Vermittlung sachlicher Information entgegen zu treten.

Folterungen – Folge 1: Wie eine Lawine

Nach der Feuernacht hatten die italienischen Fahnder zunächst ziellos im Nebel gestochert. Nach einem gezielten Hinweis eines deutschen „Alto Adige“-Journalisten verhafteten die Carabinieri am 10. Juli 1961 den 39jährigen Franz Muther aus Laas im Vinschgau.

Was in der Carabinieri-Kaserne in Meran mit ihm geschah, hat er am 3. November 1961 in einem Brief an die Landesleitung der Südtiroler Volkspartei geschildert.

Hier ein Auszug aus Muthers Leidensbericht:

„Ich mußte die Hände hochhalten, dann schlug er mir mit einem Eisenstäbchen mir auf den Finger. Garzolla rufte dann nach einem gewissen Lungo, dies war ein großer kräftiger Mann, und gab ihn den Befehl mich abzuführen zur, ‚cura speciale‘, wie er sich ausdrückte. Ich wurde wiederum in einem anderem Zimmer gebracht, mit dem Rücken gegen eine Wand gestellt, und von zwei kleine Scheinwerfern, welche auf Augenhöhe, 80 cm. vor mir aufgestellt wurden angestrahlt. Nach kurzer Zeit, als meine Augen genügend geblendet waren, wurde ich in die Mitte des Zimmers gezogen, um mich herum standen ungefähr 6 – 8 Mann in Zivilkleidung und einer in Uniform. Jener in Uniform ging auf mich zu, verhönte, beschimpfte und drohte mich auf das schärfste, dann auf einmal, fasste er mich an die Brust, riss mir das Hemd runter und zugleich Haare aus der Brust. Dann schlug er mit der Faust auf meine Schedeldeke los, zugleich schlug der Lungo an der Seite meines Kopfes, besonders aufs linke Ohr, wo ich heute noch immer Schmerzen habe, und auch schlecht höre. Von anderen erhielt ich Fußtritte im Unterleib, ich konnte nicht mehr sehen mir wurde schwarz vor den Augen. Nach einiger Zeit, wurde ich wiederum mit dem Rücken gegen eine Wand gestellt. Diesmal brachten sie einen großen Scheinwerfer, welcher wieder auf Augenhöhe 60 – 80 cm. vor mir aufgebaut wurde, ich mußte in die Mitte des Lichtkegel schauen. Jedesmal, wenn mir vor Schmerz die Augen zufielen, erhielt ich Stöße in alle Körperteile, besonders Fußtritte an den Schienbeinen, am rechten Bein sind heute noch die Narben zu sehen. Dieses Bein war längere Zeit angeschwollen und ganz gelb. Diese Tortur vor dem gr. Scheinwerfer dauerte 5 – 6 Stunden ununterbrochen, ich glaubte wahnsinnig zu werden. Meine Bitte um Wasser wurde hönisch verneint. Als endlich der Scheinwerfer abgeschaltet wurde, glaubte ich, das Augenlicht verloren zu haben, da ich einige Zeit nicht mehr sehen konnte. Ich war am ganzen Körper nass von Schweiß, besonders im Kopf. Ich wurde in die Mitte des Zimmers auf einen Stuhl gebracht, es war ein fürchterlichs Zugluft, da Fenster und Tür offen waren. Gazolla drohte mir auch 20 Kg. Gewichte an die Geschlechtsteile hängen zu lassen. Ein anderer sagte mir, jetzt würde man meine Frau holen, die wird man schon zum sprechen bringen. Es war nicht mehr auszuhalten, der Gedanke, daß man jetzt auch noch eine unschuldige Frau auf solche Weise, wofür es für einen zivilisierten Menschen keinen Ausdruck mehr gibt, verhört werden soll, war für mich furchtbar. Ja, zuzumuten war es ihnen ohne weiteres, habe es doch am eigenen Leid erfahren, und wo nun einmal die moralische Vernunft versagt, der Haß überhand bekommt, dort beginnen die Wahnsinnstaten.

Ich hatte auch ganz roten Urin, auch zwei 2 – 3 Tage noch im Bozner-Gefängnis, wo ich am Sonntag, den 17. Juni eingeliefert wurde.

Wegen Platzmangel möchte ich davon absehen, die Ausdrücke, welche man mir gegenüber, gegen, gegen unsere Volksvertreter und das ganze Deutsche Volk gebrauchte davon absehen. Jedoch sei eines erwehnt, daß jener in Uniform mich anschrie, voi tutti porchi Crucki di Detedescki si dofrebe impicare.“ (Sinngemäß: „Euch deutsche Schweine müsste man alle aufhängen“)

Ja, und dies alles in einer Zeit wo man an einem vereinten Europa denkt. In diesem Sinne habe ich auch anfang Oktober eine Anzeige wegen der Mißhandlung an die Staatsanwaltschaft von Bozen gemacht. Nachdem ich aber bis heute nichts davon gehört habe, befürchte ich, daß man alles vertuschen will. Nachdem ich seelisch, moralisch und körperlich vollkommen zerschlagen war, kann ich mich nicht mehr erinnern, was ich bei den Carabinieri, so wie auch beim Staatsanwalt Dr. Castellano aussagte und u. unterschrieb. Die hier angeführten Mißhandlungen entsprechen voll und ganz der Wahrheit. Ich möchte Sie aufrichtig bitten, das Sie alles daransetzen, um weitere solche an das Südtiroler-Volk zu vermeiden. Es wäre noch viel zu sagen aber ich habe kein Papier mehr.

Es zeichnet hochachtungsvoll

Franz Muther, Laas“

(Wörtliche Wiedergabe des Originalbriefes. SVP-Archivalien, Landesarchiv Bozen)

Muthers Mitgefangener Luis Steinegger berichtete später: „Noch zwei Monate nach seiner Folterung floß Blut und Eiter aus seinen Ohren.“ (Schützenkompanie Laas (Hrsg.): „Laaser Schützenbuch“, Auer 2001, S 201)

Als Muthers Frau Hanna ihn im Gefängnis besuchen durfte, nahm sie einen Sack Wäsche aus dem Gefängnis zum Waschen nach Hause mit. Was sie sehen musste, als sie die Wäsche auspackte, schildert Wilfried, der Sohn ihrer Schwester Berta: „Auf der Brustseite war ein großer dunkler Fleck Blut. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie setzte sich und schluchzte. Nun wussten wir, was gemunkelt wurde. Töt wurde geschlagen.“ (Bericht in: „Laaser Schützenbuch“, a.a.O., S. 195)

Als Franz Muther  in Ketten zur Mailänder Gerichtsverhandlung gebracht wurde, musste er wollene Ohrenschützer tragen. Noch immer tat ihm jeder Luftzug weh. In  Mailand wurde er am 16. Juli 1964 zu 9 Jahren und 5 Monaten Kerker verurteilt.

Die prämiierte Arbeitsamkeit der Folterer

Muthers Folterer erhielten keine Strafe, sie erhielten am 22. Jänner 1962 im Hauptquartier der Carabinieri-Legion in Bozen durch den Carabinieri-General Giovanni Celi „feierliche Belobigungen“ und Geldprämien, weil sie sich „durch ihren Geist der Initiative, der Arbeitsamkeit und der Fähigkeit ausgezeichnet haben.“ („L’Adige“, Trient, 23. Jänner 1962)

Wie eine Lawine…

Es blieb aber nicht bei der Folterung Franz Muthers. Nachdem die Folterer ihm die Namen von Mitverschworenen entrissen hatten, kamen die nächsten Südtiroler an die Reihe.

Sepp Mitterhofer aus Meran-Obermais erinnert sich:

Sepp Mitterhofer im Gefängnis von Trient in Haft (dort war er endlich sicher vor Folterungen) – und auf dem Tiroler Landesfestzug 2009 in Innsbruck.

„Damit nahm das Verhängnis seinen Lauf. … Wie eine Lawine brach nun die Verhaftungswelle vom Vinschgau herunter, durchs Etschtal hinunter bis Salurn, hinaus ins Eisack- und Pustertal über uns herein.

Franz Muther wurde nach seiner Verhaftung so brutal mißhandelt. daß ich ihn kaum wiedererkannte, als er mir nach meiner Verhaftung gegenübergestellt wurde…. 

Am 15.Juli gegen Abend wurde ich abgeholt…  Als wir im Hof der Kaserne ankamen, bekam ich vom Schläger einen Fußtritt, daß ich durch die Tür ins Haus hineinflog. Die folgenden Tage und Nächte waren grausam: 60 Stunden ohne Essen, Trinken und Schlaf Die meiste Zeit in Habt-acht-Stellung und zeitweise mit erhobenen Händen. Ließen wir die Arme aus Erschöpfung sinken, wurde sofort mit dem Gewehrkolben auf uns eingeschlagen. Dazwischen wurden wir einzeln zur Sonderbehandlung in einen geschlossenen Raum gebracht. Das Radio wurde auf volle Lautstärke aufgedreht. damit die Schreie der Gefolterten nicht nach außen drangen.

Wenn man in diesem Augenblick so allein und verlassen, zum Teil nackt 8-10 Carabinieri gegenüberstand, die einen aufs Übelste verhöhnten und schlugen, wie einen Spielball im Raum hin- und herstießen, die Haare ausrissen, oder mit voller Bekleidung bei der damaligen Sommerhitze stundenlang vor die Quarzlampe stellten, bis man fast erblindet war und das Hemd durch den Schweiß am Körper klebte, dann kam man sich vor wie ein armseliger, elender Wurm, auf dem die halbe Menschheit herum trampelt.

 Sie hatten es verstanden, uns körperlich zu quälen, durch die Folterungen die Menschenwürde zu schänden, durch die Verhöhnungen uns seelisch fertig zu machen und durch die ausgefallensten Methoden den Willen zu brechen. Dazu gehörte auch die berüchtigte ‚casetta‘ kombiniert mit dem Einschütten von Säure in den Mund, die Behandlung mit Strom, das Anhängen von Gewichten an den Geschlechtsteilen, das Einstreichen von Menschenkot in den Mund, um nur einige zu nennen … Das Schlimmste war fast der Durst; es herrschte eine unvorstellbare Hitze und wir durften die Jacken nicht ausziehen. Vor meinen Augen ließen sie das Wasser von der Flasche in den Becher plätschern und lockten damit, ohne daß ich jedoch auch nur einen Tropfen erhielt. Am zweiten Tag gab ich eine Sprengung zu, am dritten Tag zeigte ich ihnen mein Sprengstoffversteck und die Pistole. Ich erinnere mich noch gut: Wir fuhren im Auto zu meinem Haus, ich war mit Handschellen gefesselt, umgeben von drei Begleitern die die entsicherten Pistolen in den Händen hielten. Am hinteren Hauseingang begegneten wir meinem 77jährigen Vater. Als er mich in diesem Zustand sah, lehnte er sich an die Wand und fing an zu weinen; dieser Anblick hat mir fast das Herz zerrissen. Zum Glück war meine schwangere Frau mit unserem zweijährigen Sohn nicht zu Hause, so hat sie mich in diesem armseligen Zustand nicht gesehen. Im Hausinneren angekommen, sagte Hauptmann Marzollo, der Chef der Spezialeinheit, die die Verhöre durchführte: ‚Dieses schöne Gewölbe und das Haus; ich kann nicht verstehen, wieso ein junger Bauer mit Frau und Kind solche Sachen macht.‘

Er hatte nicht im Geringsten begriffen worum wir kämpften. Daß wir gegen die Unterdrückung, gegen die Fremdbestimmung kämpften. Daß wir aufgestanden waren um unser Volkstum zu verteidigen und für die Freiheit unseres Landes zu kämpfen.

Es ist in diesem Rahmen nicht möglich, alles zu schildern, was in den Kasernen von Meran, Eppan, Neumarkt und Brixen an Grausamkeit geschehen ist. Es fällt mir heute, so viele Jahre später, noch immer schwer, über jene schrecklichen Augenblicke zu sprechen. …

Die diensthabenden Wachen belauschten uns zwar mit Augen und Ohren, aber da sie nur wenig deutsch verstanden, wurde doch so manches Geheimnis besprochen…. Nach mehreren Wochen gelang es mir, eine Zusammenfassung der Mißhandlungen vom mit mir inhaftierten Dr. Josef Sullmann hinauszuschmuggeln. Beim Besuch durfte mir meine Frau meinen zweijährigen Sohn über den Besuchertisch herüberreichen. Für Kinder hatten die Wachen ein weiches Herz. Der Bub hatte ein Mäntelchen mit einer Kapuze an, dort steckte ich den Brief während ich ihn liebkoste, hinein und reichte ihn anschließend wieder über den Tisch zurück.“ (Wiedergegeben in: Schützenkompanie „Sepp Kerschbaumer“ Eppan (Hrsg.): „…grüß mir die Heimat, die ich mehr als mein Leben geliebt“ Erinnerungsschrift zum 30. Todestag von Sepp Kerschbaumer und Luis Amplatz, Eppan 1994, S. 15 ff)

Der herausgeschmuggelte Bericht des inhaftierten Ultener Gemeindearztes Dr. Sullmann wurde in Österreich von der „Kronen-Zeitung“ veröffentlicht und machte so die Folterungen einer breiten österreichischen Öffentlichkeit bekannt.

Muther und Mitterhofer waren aber nicht die Einzigen, die im Juli 1961 Schreckliches erdulden mussten:

Am 13. Juli 1961 wurde Jörg Pircher aus Lana verhaftet, als seine Frau ihn im Gefängnis besuchen wollte, ließ man sie nicht zu ihm, gab ihr aber seine Wäsche, die voll mit getrocknetem Blut war, zum Waschen mit.

Ebenfalls am 13. Juli 1961 holten die Häscher Engelbert Angerer aus Laas, der – unter der Folter dem Wahnsinn nahe – seine Peiniger anflehte, ihn zu erschießen.

In einem aus dem Gefängnis hinaus geschmuggelten Brief an die Südtiroler Volkspartei schilderte Angerer am 13. Oktober 1961, dass er immer noch Schmerzen und Blut im Urin habe und dass die Zeichen der Schläge noch sichtbar seien.

Dieser Brief verschwand wie so viele andere auf Weisung Magnagos im Archiv der SVP und wurde nie der Öffentlichkeit übergeben.

In diesen Tagen wurden auch Paul Zangerle aus Eyrs, Franz Tappeiner aus Laas, Josef Fabi aus Burgeis, Josef Tschenett aus Lichtenberg, Johann Oberhofer aus Goldrain, Eduard Tanzer aus Laas, Siegfried Graf aus Prad, Martin Koch und Alfons Obermair aus Bozen, Luis Gutmann, Hermann Kofler, Viktor Thaler und Luis Steinegger aus Tramin, Walter Gruber aus Niederlana, Josef Anegg, Josef Orian, Hermann Anrather und Adolf Pomella aus Kurtatsch, Sepp Innerhofer aus Schenna, Norbert Gallmetzer aus Kaltern, Franz und Paul Gamper aus Vahrn, Engelbert Gostner aus St. Leonhard bei Brixen und Georg Lanz aus Terlan sowie eine Reihe weiterer Südtiroler verhaftet und schwer gefoltert.

Anton Gostner aus St. Leonhard bei Brixen, der bereits seit Mai in Haft war, wurde wieder zu den Carabinieri überstellt und gefoltert. Er sollte an den Folgen der Misshandlungen sterben. Auch Franz Höfler aus Lana sollte die Folgen seiner Misshandlungen nicht überleben und in der Haft sterben.

Von ihnen allen liegen im Südtiroler Landesarchiv detaillierte Folterberichte vor.

Am 15. Juli 1961 war auch der Kopf und Gründer des „Befreiungsausschusses Südtirol“, Sepp Kerschbaumer aus Frangart an der Reihe.

Er berichtete bereits am 1. September 1961 in einem Brief an den Südtiroler Landeshauptmann Magnago, dass er mit Faustschlägen traktiert worden sei und bis zu 16 Stunden mit erhobenen Händen habe stehen müssen. Was er bei anderen Kameraden gesehen habe, sein einfach furchtbar gewesen. Drei von ihnen habe er gar nicht mehr erkannt.

„Was ich bei anderen Kameraden sehen mußte, war einfach furchtbar. In 3 Fällen hatte ich die betreffenden einfach nicht mehr erkannt, und erkannte sie erst wieder, als sie mir ihren Namen sagten. Das so lange stehen – Hände hoch, die vielen Schläge, zum Teil auch mit einem Eisen, Fußtritten in die Schienbeine und dergleichen alle diese Mißhandlungen, machten viele Kameraden unkenntlich.

Was die bekannte ‚casetta‘ wurde der betreffende mit nacktem Körper auf dem Rücken liegend (die Kiste war zirka 40 x 60 mit dem offenen Teil obenauf) auf die Kiste gelegt, was an sich schon schmerzlich allein sein muß, und wurde ihnen dann noch Salzwasser oder weiß Gott was das war eingeschüttet.

Was ich selbst oft erlebte, war das ausgesprochen gemeine Verhalten in bezug auf das, was einem an Gemeinheiten und Vorwürfen ins Gesicht geschleudert wurde und dies alles geschah im Namen der Freiheit und der Demokratie.

Mit den besten Grüßen

Sepp Kerschbaumer“

(Wörtliche Wiedergabe des Originalbriefes. SVP-Archivalien, Landesarchiv Bozen)

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Eine Antwort to “Vor 50 Jahren: Folterungen in Südtirol”

  1. ingo Says:

    Unglaublich krank wie man mit euch umgeht.
    Am liebsten würde ich euch irgendwie helfen.
    Ich komme zwar aus Deutschland, kann es aber nicht
    ertragen wie man unser Brudervolk drangsaliert.

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